Jugendberufsagentur als Verantwortungsgemeinschaft – Verstetigung im sächsischen Netzwerk gemeinsam denken
28. April 2026 | 09:30 Uhr bis 16:15 Uhr | Mediencampus Villa Ida | Poetenweg 28, 04155 Leipzig

Erste Ergebnisse der Zielgruppenbefragung und wissenschaftlichen Begleitung der Jugendberufsagenturen
Dominik Harder, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb)
Im Vortrag „Erste Ergebnisse der Zielgruppenbefragung und wissenschaftlichen Begleitung der Jugendberufsagenturen“ von Dominik Harder (Forschungsinstitut Betriebliche Bildung) wurden zentrale Befunde zur Umsetzung, Wirkung und Weiterentwicklung der Jugendberufsagenturen vorgestellt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Jugendberufsagenturen auf Kreisebene unterschiedlich ausgestaltet sind und die Zielgruppen teils variierend definiert werden. Bündniseigene Dokumentationsstrukturen existieren bislang nur vereinzelt, was die systematische Auswertung und Vergleichbarkeit erschwert. Auch die aus Leitbildern abgeleiteten Indikatoren können in der Praxis bislang nur teilweise erhoben werden. Vor diesem Hintergrund wird der gemeinsame Auf- und Ausbau tragfähiger Grundlagen, insbesondere im Hinblick auf einheitliche Definitionen und Dokumentationssysteme, als zentraler Ansatz hervorgehoben. Erste Ergebnisse der Befragung junger Menschen, die eine Beratung bei einem Partner der JBA hatten, zeigen positive Wirkungen der Angebote: So berichten die befragten jungen Menschen von deutlichen Verbesserungen ihrer wahrgenommenen beruflichen Chancen, was auch mit einer Steigerung der Selbstwirksamkeit der jungen Menschen einhergeht. Darüber hinaus ist die Zufriedenheit mit den Beratungsangeboten hoch. Zu beachten ist, dass die zugrunde liegende Stichprobe derzeit noch zu klein ist, um belastbare und verallgemeinerbare Aussagen treffen zu können. Um die Aussagekraft der Ergebnisse zu erhöhen, ist daher eine breitere und kontinuierlichere Beteiligung erforderlich.
Download: Präsentation zum Vortrag (PDF) - nicht barrierefrei

Junge Menschen ohne Berufsausbildung als Fachkräftepotenzial
Dr. Gabriele Wydra-Somaggio, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)
Im Vortrag „Junge Menschen ohne Berufsausbildung als Fachkräftepotenzial“ zeigte Dr. Gabriele Wydra-Somaggio (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) zentrale Befunde zu Erwerbsverläufen junger Menschen aus Sachsen und daraus resultierenden Handlungsbedarfen auf. Viele junge Menschen verfügen demnach bereits vor dem Einstieg in eine erste reguläre Beschäftigung über Erwerbserfahrungen, häufig auch in Form von Nebenjobs während des Studiums (vgl. Hellwagner/Weber 2025). Jungen Menschen ohne Berufsabschluss holen fehlende Qualifikationen im weiteren Erwerbsverlauf nach: Rund 46 Prozent erwerben später noch einen Berufsabschluss. Gleichzeitig bleibt jedoch ein relevanter Anteil langfristig ohne formale Qualifikation. Für Sachsen zeigt sich, dass etwa 26 Prozent der rund 27.000 Personen, die zwischen 2013 und 2018 eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ohne Berufsabschluss aufgenommen haben, dauerhaft keinen Abschluss erwerben. Dies verdeutlicht ein erhebliches ungenutztes Fachkräftepotenzial. Vor diesem Hintergrund ergibt sich ein klarer Handlungsbedarf zur Verbesserung der Startchancen junger Menschen. Zentrale Ansatzpunkte sind die gezielte Unterstützung beim Erwerb eines Schulabschlusses, der Abbau von Sprachbarrieren sowie eine frühzeitige, differenzierte und zielgerichtete Beratung. Durch den Ausbau entsprechender Angebote insbesondere an Schulen kann die Orientierungsphase verkürzt werden.
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Selbstregulation junger Menschen mit psychischer Belastung
Dr. Kristina Wopat (Projekt BeSOS)
Der Vortrag von Dr. Kristina Wopat befasste sich mit Selbstregulation bei jungen Menschen mit psychischen Belastungen im Kontext von Berufsorientierung und Beratung. Thematisiert wurden die Auswirkungen psychischer Belastungen auf die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen sowie Unterschiede im Zugang zum eigenen Befinden, etwa bei Jugendlichen mit geringerem Bildungsstand oder mit Migrationsgeschichte. Vorgestellt wurden verschiedene niedrigschwellige Methoden zur Förderung von Selbstwahrnehmung und Selbstregulation, darunter das „Krokodil im Kopf“, die „Schiff“-Metapher sowie die „Stresspalme“ zur Selbsteinschätzung. Zudem wurden einfache Atem- und Körperübungen als unterstützende Techniken zur Stressregulation erläutert. Diskutiert wurden außerdem die Bedeutung solcher Methoden für Beratungskontexte und Gruppen sowie Hinweise zu einem sensiblen Einsatz einzelner Metaphern, insbesondere bei Menschen mit Fluchterfahrung.
Download: Präsentation zum Vortrag (PDF) - nicht barrierefrei
Nützliche Links zum Input: BeSOS-Handreichung:
- https://besos-sachsen.de/besos-handreichung/
- https://besos-sachsen.de/videos/
- https://besos-sachsen.de/besos-tagung-am-11-06-2025/
- https://besos-sachsen.de/songs/

Berufsorientierung in der grünen Arbeitswelt
Krischan Ostenrath (Netzwerk grüne Arbeitswelt)
Der Input von Krischan Ostenrath beschäftigte sich mit den Herausforderungen und Potenzialen der Berufsorientierung in der grünen Arbeitswelt. Thematisiert wurden der steigende Fachkräftebedarf im Zuge der Klimaziele, die Bedeutung beruflicher Umorientierungen sowie die bislang noch ausbaufähigen Aktivitäten zur grünen Berufsorientierung in Deutschland. Deutlich wurde, dass Nachhaltigkeit zunehmend Bestandteil bestehender Berufe ist, während nur wenige neue Berufsbilder entstehen. Gleichzeitig konkurriert das Kriterium „grün“ bei der Berufswahl mit Faktoren wie Gehalt oder Familienfreundlichkeit. Weitere Schwerpunkte waren Informationsdefizite bei Jugendlichen zur grünen Arbeitswelt, die Bedeutung von Erfahrungsräumen und Peer-Kontakten für die Berufsorientierung sowie Fragen zu Digitalisierung, KI und den Auswirkungen auf zukünftige Berufsfelder. In der Diskussion wurde zudem thematisiert, dass grüne Arbeitsmärkte ähnliche Herausforderungen wie andere Arbeitsmärkte aufweisen und auch Tätigkeiten für Menschen ohne formale Berufsausbildung bieten können.
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Schulabsentismus verstehen und wirksam bekämpfen
Prof. Dr. Heinrich Ricking (Universität Leipzig)
Der Vortrag von Prof. Dr. Heinrich Ricking widmete sich den Ursachen, Risikofaktoren und Interventionsmöglichkeiten im Kontext von Schulabsentismus. Thematisiert wurde die bislang fehlende bundesweite Datenerfassung in Deutschland sowie die Vielschichtigkeit des Phänomens, das häufig im Zusammenhang mit psychischen, familiären oder sozioökonomischen Belastungen steht. Hervorgehoben wurde, dass insbesondere habitualisierte Fehlzeiten und Vermeidungsdynamiken langfristige Risiken wie Schulabbrüche begünstigen können. Zudem wurden Zusammenhänge zwischen Schulabsentismus, psychischen Erkrankungen, psychosomatischen Beschwerden sowie delinquentem Verhalten dargestellt. Schulischer Erfolg wurde als zentraler Schutzfaktor beschrieben, während schulischer Misserfolg das Risiko für Absentismus erhöhen kann. Im Hinblick auf Handlungsmöglichkeiten betonte der Vortrag die Bedeutung frühzeitiger pädagogischer Interventionen, partizipativer Ansätze und multiprofessioneller Unterstützungssysteme gegenüber primär sanktionierenden Maßnahmen. In der anschließenden Diskussion wurden unter anderem mögliche Entwicklungen des Schulabsentismus seit der Corona-Pandemie sowie zunehmende psychische Belastungen bei jungen Menschen thematisiert.
Die Inhalte der Präsentation können diesem Interview entnommen werden.

In den Workshops zur „Verstetigung von Jugendberufsagenturen“ wurde im Rahmen einer SWOT-Analyse deutlich, dass verschiedene Entscheidungsebenen in die Arbeit der JBA eingebunden sind. Gefordert werden mehr Verbindlichkeit und klare Verantwortlichkeiten.
Aus Sicht der Teilnehmenden wurde während der Diskussion über die Stärken der JBA deutlich, dass sie bereits über ein tragfähiges Fundament verfügen. Insbesondere der ganzheitliche Beratungsansatz wurde von vielen als zentraler Mehrwert hervorgehoben. Die Teilnehmenden betonten die hohe Qualität der Kooperation auf Arbeitsebene: Enge Kontakte, ein funktionierendes Netzwerk sowie ein abgestimmtes Handeln prägen die tägliche Praxis. Die Bündelung unterschiedlicher Kompetenzen und Perspektiven der beteiligten Rechtskreise wird als große Stärke wahrgenommen, die durch regelmäßigen fachlichen Austausch weiter gestärkt werden sollte. Hervorgehoben wurde zudem, dass die JBA-Strukturen dazu beitragen, Zugangsbarrieren zu reduzieren und Orientierung zu bieten. Positiv wurde auch bewertet, dass Jugendliche nicht lediglich verwiesen, sondern aktiv begleitet werden. Insgesamt sehen die Teilnehmenden in den bestehenden Strukturen eine solide Grundlage, auf der weitere Entwicklungen aufbauen können.
In der nächsten Runde wurden Schwächen diskutiert. Besonders häufig wurde die fehlende Sichtbarkeit und Bekanntheit der Jugendberufsagenturen thematisiert. Viele Akteure sehen hier Entwicklungsbedarf, um sowohl die Zielgruppe als auch relevante Partner besser zu erreichen. Ein zentrales Problem stellt aus Sicht der Beteiligten die unzureichende und oft unsichere Finanzierung dar. Diese wirkt sich unmittelbar auf die Planungssicherheit, die Kontinuität der Arbeit und die personelle Stabilität aus. Personalfluktuation sowie eine starke Abhängigkeit vom Engagement Einzelner wurden als kritisch beschrieben. Zudem wurde darauf hingewiesen, dass es vielfach an einheitlichen Grundlagen fehlt. Unklare Definitionen von Zielgruppen, fehlende gemeinsame Zielgrößen sowie uneinheitliche Arbeits- und Berichtsstrukturen erschweren die Zusammenarbeit. Auch rechtliche Rahmenbedingungen, etwa im Bereich Datenschutz, werden als hinderlich erlebt. Besonders die Zusammenarbeit mit Schulen sowie die aufsuchende Arbeit wurden als Bereiche benannt, in denen noch Entwicklungspotenzial besteht.
Mit Blick auf die Zukunft sehen die Teilnehmenden vielfältige Chancen für die Weiterentwicklung der Jugendberufsagenturen. Ein zentrales Anliegen ist die nachhaltige strukturelle Verankerung der JBA, beispielsweise durch gesetzliche Regelungen oder eine Verstetigung im Regelbetrieb. Eine gesicherte Finanzierung wird dabei als wesentliche Voraussetzung angesehen. Als große Chance wird die Weiterentwicklung der Kooperation mit Schulen eingeschätzt.
Durch eine engere Zusammenarbeit, insbesondere mit Schulsozialarbeit und durch Frühwarnsysteme, könnten Jugendliche frühzeitiger erreicht und unterstützt werden. Auch aufsuchende und proaktive Ansätze sollten künftig stärker ausgebaut werden.
Darüber hinaus sehen die Beteiligten große Chancen in der Weiterentwicklung gemeinsamer Formate, im verstärkten Austausch von Best-Practice-Beispielen sowie in der aktiven Einbindung junger Menschen in die Gestaltung der Angebote. Der politische Wille und die hohe Motivation der beteiligten Akteure werden als wichtige Treiber für zukünftige Entwicklungen bewertet.
Neben den Chancen wurden auch Risiken benannt, die die Weiterentwicklung der Jugendberufsagenturen beeinträchtigen könnten. An erster Stelle steht aus Sicht vieler Teilnehmender die Gefahr einer unzureichenden finanziellen Ausstattung sowie eines fehlenden langfristigen politischen Commitments. Ohne stabile Rahmenbedingungen sehen sie die Gefahr, dass bestehende Strukturen nicht nachhaltig gesichert werden können. Ein weiteres Risiko wird in bürokratischen Hürden gesehen, die dazu führen können, dass junge Menschen den Zugang zu Unterstützungsangeboten verlieren. Auch personelle Veränderungen werden als kritisch eingeschätzt, da sie häufig mit Wissensverlust und Brüchen in der Zusammenarbeit einhergehen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Netzwerke ohne kontinuierliche Pflege und regelmäßigen Austausch an Stabilität verlieren. Darüber hinaus äußerten die Teilnehmenden Bedenken hinsichtlich steigender gesellschaftlicher Herausforderungen, wie einer wachsenden Zahl junger Menschen ohne Berufsabschluss oder zunehmender Perspektivlosigkeit. In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Gefahr eines steigenden Erfolgsdrucks sowie einer übermäßigen Standardisierung hingewiesen, die den individuellen Bedarfen der Zielgruppe nicht gerecht werden könnten.
Zusammenfassend zeigt sich aus Sicht der Teilnehmenden ein differenziertes Bild: Die Jugendberufsagenturen werden als wirksames und wertvolles Kooperationsmodell wahrgenommen, das insbesondere durch seine Nähe zur Zielgruppe, seine ganzheitliche Ausrichtung und die funktionierenden Netzwerke überzeugt.
Gleichzeitig sehen die Akteure deutlichen Entwicklungsbedarf in strukturellen Fragen, insbesondere in Bezug auf Finanzierung, rechtliche Rahmenbedingungen, Verbindlichkeit und Sichtbarkeit. Die identifizierten Chancen bieten jedoch eine klare Perspektive für die Weiterentwicklung. Die Ergebnisse des Workshops verdeutlichen damit sowohl den erreichten Stand als auch die zukünftigen Handlungsfelder für eine nachhaltige Weiterentwicklung der Jugendberufsagenturen.

Im Rahmen der Tagung wurde zudem die Ausstellung „weil Vielfalt fetzt“ im Netzwerkcafé zu sehen. Die Ausstellung diente als Gesprächsanregung für die Teilnehmenden. Sie wurden eingeladen, sich mit den porträtierten und interviewten Menschen auseinanderzusetzen, deren Perspektiven kennenzulernen und in den Austausch darüber zu treten. Darüber hinaus bot die Ausstellung interaktive Elemente, die es ermöglichten, eigene Erfahrungen einzubringen und sich aktiv mit den dargestellten Themen zu beschäftigen.

